Mocha Dick

Text und Regie: Zeha Schröder - Raum & Licht: Kaspar Wimberley - Kostüme: frl. y - Mit: Frank Dukowski, Marcell Kaiser und Jan-Christoph Tonigs - Ort: Erlöserkirche, Friedrichstr. 10, Münster - Dauer: ca. 2 h - Uraufführung: 12.07.2006
Im Mittelpunkt unserer Arbeit stand 2006 ein weiteres Dokumentarstück. Es behandelte die wahre(n) Geschichte(n) hinter Melvilles Walfang-Epos „Moby Dick“. Denn, was die wenigsten wissen: Den weißen Wal - dessen wahrer Name unserem Stück den Titel gegeben hat - gab es wirklich. Er trieb vor Chile sein Unwesen, hat zwischen 1810 und 1840 mindestens sieben Walfänger versenkt und auf diese Weise rund fünfzig Seeleute zu Tode gebracht. Als er 1857 erlegt wurde, altersschwach und auf einem Auge blind, fand man in seinem Körper fast zwanzig Harpunen. Mit 28 Metern Länge war er zudem rund anderthalb mal so groß wie ein normaler Pottwal.

Ob er es war, der am 20.11. 1820 den Walfänger „Essex“ attackierte und mit zwei Stößen seines Kopfes versenkte, ist nicht sicher, aber doch wahrscheinlich. So oder so: Für die zwanzig Besatzungsmitglieder begann eine dreimonatige Odyssee, viertausend Meilen weit über den Pazifik, bevor rund die Häfte von ihnen im Frühjahr 1821 lebend geborgen werden konnte.

Melvilles Roman, die Zeitzeugenberichte über „Mocha Dick“ und die Originaldokumente der „Essex“-Katastrophe - aus diesen Quellen speist sich das Stück. Erarbeitet wurde das Konzept in dreiwöchiger Recherche am Polarkreis, einschließlich eines Ausflugs zu den Lofoten, wo das Ensemble Pottwale mit eigenen Augen erleben konnte. Das gespannte Warten auf dem Beobachtungsschiff, die Begegnung mit den grauen Riesen auf nur fünfzig Meter Entfernung, eine durchwachte Nacht in kleinen Booten auf einem norwegischen Fjord - all das ist als Erfahrungshintergrund in die Produktion eingeflossen...

Frank Dukowski, Marcell Kaiser und Jan-Christoph Tonigs spielten in einer Inszenierung von Zeha Schröder, dessen Textcollage die literarischen und dokumentarischen Quellen zu einem Mosaik über die Grenzen des Menschseins verquickt. Der Kampf ums physische Überleben wird für eine Gruppe von Schiffbrüchigen nach und nach zur Suche nach Antworten auf "die letzten Fragen": Wie fügt man sich in einen Schicksalsschlag? Was für einen tieferen Sinn macht das Leiden und Sterben in einer kleinen Nussschale auf dem Ozean, tausende Kilometer vom nächsten Festland entfernt? Wer findet im Angesicht des Todes einen Frieden mit sich - und wer nicht?

Spielort in Münster war eine der schönsten Holzarchitekturen Münsters: die Erlöserkirche, ein schiffsbauchartiger Sakralraum, in dem die mystischen Naturerfahrungen und existenziellen Grenzerlebnisse, die sowohl Melvilles Roman wie auch die authentischen Zeitdokumente prägen, eine kongeniale Entsprechung fanden. 2008 war das Stück zudem zum internationalen Festival "Theaterszene Europa" in Köln eingeladen.

Gefördert vom Kulturamt Münster und der Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit. In Kooperation mit mime.se, dem Theaterfestival „VorOrt“ und dem Pumpenhaus.