Keplers "Somnium"

Text: Johannes Kepler (Einrichtung: Zeha Schröder) - Darsteller: Helge Salnikau - Regie: Zeha Schröder - Animationen und Projektionen: Matthias Ries, Marie Seeberger, Björn Voss - Ort: LWL-Planetarium, Sentruper Str. 285 - Dauer: ca. 65 Minuten - - Uraufführung: 04.11.2016
Was für eine Gelegenheit! Das „allererste Science-Fiction-Werk der Literaturgeschichte“ (Isaac Asimov), ein surrealer Trip zum Mond auf dem Rücken böhmischer Hexen, erfunden und niedergeschrieben von einem bis heute weltberühmten Wissenschaftler, wartet nach über vierhundert Jahren immer noch auf seine Uraufführung…

Dabei ist Johannes Keplers SOMNIUM ein famoser Bühnenstoff: Der Ich-Erzähler fällt nach der ermüdenden „Betrachtung der Sterne und des Mondes“ in einen ohnmachtsähnlichen Schlaf. Ihm erscheint der Magier Duracotus, Sohn der Dämonin Fiolxhilde, und weiht ihn in die Geheimnisse des Reiches Levania ein, das in unseren Breiten unter dem prosaischen Namen „Mond“ bekannt ist. Der Weg dahin öffnet sich Eingeweihten nur im Kernschatten einer Sonnenfinsternis und unter Einwirkung gewaltiger Beschleunigungskräfte, durch die der Reisende „emporgeschleudert wird, als wenn er durch die Kraft des Pulvers gesprengt über Berge und Meere dahinflöge“. Doch der Lohn für diese Strapazen ist die Begegnung mit einer Welt, in der alles – von den Jahreszeiten über die Tag- und Nachtrhythmen bis zur Schwerkraft – anderen Naturgesetzen zu gehorchen scheint.

SOMNIUM ist ein faszinierender Text, der das gesamte Keplersche Wissen zu astronomischen Vorgängen mit einer fast psychedelischen Handlung kombiniert, in der es von Hexen, Dämonen und Außerirdischen nur so wimmelt. Dass die Erzählung zwar rauschhaft in nur zwei Nächten aufs Papier geworfen, aber dennoch nicht aus einer Laune heraus entstanden ist, zeigt allein schon der Umstand, dass der berühmte Forscher noch drei Jahrzehnte später am Wortlaut gefeilt und einen Erläuterungsapparat mit eigenen aktuellen Erkenntnissen angefügt hat. SOMNIUM ist wissenschaftsgeschichtliches Dokument, literarisches Juwel und abgefahrener Fantasytrip in einem.

Zeha Schröders Inszenierung zeigt den Ich-Erzähler in Gestalt eines astronomischen Gelehrten des frühen 17. Jahrhunderts. Dieser „Kepler-Verschnitt“ berichtet dem Publikum von einem absurden Traum, aus dem er soeben erwacht ist. Während er erzählt, nehmen die Stimmen und Ereignisse des geträumten Geschehens immer mehr Gestalt an – in Form von Soundeinspielungen und Videoprojektionen, die anfangs schemenhaft, dann immer gegenständlicher illustrieren, wovon der benommen-schläfrige Berichterstatter spricht. Schließlich erscheint die faszinierende Welt von Levania vor den staunenden Gesichtern der ahnungslosen Erdlinge…

Neben dem Erzähler als einzigem Livedarsteller sind die vorproduzierten Multi-Media-Einblendungen der heimliche Hauptdarsteller der Inszenierung. Mit Animationen und eigens komponiertem Soundtrack, mit Hörspielelementen und Tricktechnik soll in einem aufwendigen Vorproduktionsprozess Keplers lunare Welt zu audiovisuellem Leben erweckt werden – nicht als naturalistische Verdinglichung, sondern in assoziativen, surrealen Bildern und Klängen.

Als Spielort bietet das LWL-Planetarium beim Allwetterzoo mit seiner umfangreichen Projektionstechnik die perfekte Gelegenheit zu einer eindrucksvollen 360-Grad-Surround-Show, die dem Stoff angemessen ist. Denn gegen Keplers so fundierten wie verrückten Lunartrip nimmt sich Vernes REISE ZUM MOND fast schon bieder aus.